Rabenmutteralarm

5
249
views

Ich hatte letzten Freitag einen Anflug von Schuldgefühlen. Ich muss dazu sagen ich halte nicht viel von Schuldgefühlen, aber am Freitag haben sie mich auch besucht.

Meine Tochter geht seit etwas mehr als einem Monat in die Kinderkrippe. Sie ist jetzt 17 Monate alt und ich gehe in ca 6 Wochen wieder Teilzeit arbeiten. Wir haben früh mit der Eingewöhnung angefangen, weil man ja nie weiß wie lange das dauert und auch nie sicher sein kann, wie oft die Kleinen dann krank sind. Die Eingewöhnung lief echt super, sie geht echt gerne hin und krank war sie auch erst einmal.

Alles super, oder?

Letzten Freitag eben, dann die Schuldgefühle. Und zwar jetzt kommt’s: weil ich mich nachdem ich sie in die Kindergruppe gebracht habe, wieder hingelegt habe und nochmal geschlafen habe!

Und ich so: Rabenmutteralarm!

Eigentlich absurd, dass ich mich deswegen schlecht fühle. Immerhin habe ich in den letzten 17 Monaten echt selten ausschlafen können. Nur dann schlafen können, wenn das Kind schlaft ist nicht das selbe, wie sich einfach mal hinlegen, weil man müde ist.

Anderseits sollte ich nicht „quality-time“ mit meinem Kind verbringen, anstatt sie in den Kindergarten zu bringen, damit ich schlafen kann!?

Was ist das aber für eine Qualität, wenn die Mama eigentlich schlafen will und das Kind eigentlich Spielen will? Na dann wasch wenigstens die Wäsche oder räume auf…

So weit der Hirnzirkus. Ich hab dann trotzdem geschlafen.

Für die Schuldgefühle habe ich dann eine große Portion Vertrauen gebraucht. Vertrauen darauf, dass ich es merken werde, wenn sie nicht in die Kindergruppe gehen will um bei mir zu sein und dass ich sie dann auch nicht in die Kindergruppe bringen werde.

Ihr Wohlbefinden ist wichtig, aber meines ist auch wichtig. Ich mag ja auch nicht, dass sich meine Tochter anfängt um mich zu kümmern, nur weil ich es nicht kann. Im Gegenteil ich mag, so wie sie es (noch) ist, klar in meinen Bedürfnissen sein. Erst wenn die Bedürfnisse offen auf dem Tisch liegen, können wir gemeinsam schauen, was ist denn das Beste für uns alle.

Und das Schlafen mehr wert hat als Wäsche waschen war dann auch irgendwie klar.

Schuldgefühle und Mamasein wird oft mit dem beruflichen Wiedereinstieg in Zusammenhang gebracht. Hier also schon, obwohl ja das Geldverdienen einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert hat, der Druck auf die Mütter, die ihre Kinder „alleine“ lassen. Vom Bedürfnis mal als Mutter wieder Zeit für sich zu haben um sich von der echt anstrengenden Anfangszeit zu erholen (das Gleiche gilt wahrscheinlich auch für Väter), hab ich noch nicht viel gelesen. Wirkt wie ein Tabu, über dass noch nicht viel gesprochen wird.

Mamas und Papas haben keinen Urlaub, keinen Krankenstand und keine Wochenenden – gönnen wir uns also die Zeit in denen die Kinder gut versorgt bei wem anderen sind.

Picture by https://pixabay.com/

5 KOMMENTARE

  1. Ja wo kommt denn das her? Wo kommt denn das her, dass sehr schnell ein schlechtes Gefühl ist, wenn ich mein Kind abgebe.
    Glaubensatz: „ich bin erst dann eine gute Mutter, wenn ich immer für mein Kind da bin.“
    na und die vollzeitmütter, na ich will nicht wissen wie es deren Kindern geht.
    Dies ist etwas das Mütter mit sich herumtragen oder wegschieben.
    oder?

    • Ich glaube, dass diese Art von Schuldgefühl schon sehr alt ist – eine Emotion, die wir schon von unseren Müttern und Großmüttern übernommen haben. Bei mir kommt das auch noch aus einer tiefen Unsicherheit und aus dem Gefühl nichts falsch machen zu wollen. Und, ich will es allen Recht machen. Natürlich hat beides keine rationale Grundlage.
      Der Glaubensatz aus deinem Kommentar, „ich bin nur dann eine gute Mutter, wenn ich immer für mein Kind da bin“ formuliere ich für mich folgendermaßen um:
      Ich bin eine gute Mutter, weil ich immer für mein Kind da bin, weil ich die Balance zwischen Nähe und Distanz kenne und weil ich verantwortungsvoll mit meinen und ihren Bedürfnissen umgehe.

  2. Musst dir vorstellen:
    Ich hab ein schlechtes Gewissen gehabt OBWOHL ich mich gerade um mein Baby gekümmert hab.
    Also ich weiß nicht ob ich wirklich ein schlechtes Gewissen hatte oder nur „das Gefühl ein schlechtes Gewissen haben zu müssen“… ( ist das ein Unterschied?…)

    Mein Mann ist kurz vom Büro nach Hause gekommen um etwas zu holen… Und ich saß mit meinem schlafenden Baby in der Küche bei einem Café und hab im Internet gesurft… Und er fängt an: „bist im Stress?“
    Hat er nicht böse gemeint, war wohl als Scherz gedacht, aber wie man weiß: ist immer ein Fünkchen Wahrheit dabei…
    Also denk ich mir natürlich auch gleich na super ich genieße die Zeit in der mein Kind schläft und eigentlich sollte ich die Wohnung aufräumen und Wäsche waschen…
    So ist’s mit den anerzogenen Gedanken…

    • Aus deinem Kommentar kann ich herauslesen wie subtil Schuldgefühle sind – und welche Macht sie ausüben können. Danke dafür, habe eben wieder lange nachgedacht, was das auch für mich bedeutet. Ich merke gerade wie komplex das Thema ist und ich habe dazu folgenden Artikel gefunden, bei dem mir dieser Satz besonders gut gefallen hat:

      „Niemand kann in dir Schuldgefühle installieren, wenn du die zugrundeliegende Schuld nicht akzeptierst.“

      Wenn zum Beispiel im Bus jemand die Augen rollt, weil ich mit dem Kinderwagen „im Weg“ stehe, dann erzeugt das keine Schuldgefühle bei mir, weil ich mich im Recht fühle.

      Anders ist es, wenn ich mich an eine Abmachung nicht halte. Zum Beispiel komme ich viel zu spät oder ich vergesse etwas. Dann habe ich das Gefühl ich bin jemanden etwas schuldig.

      Die Quintessenz, für mich nach diesem Gedankenexperiment ist, Schuldgefühle zu hinterfragen. Habe ich Schuld? Habe ich meine Verantwortung nicht wahr genommen? Habe ich Verantwortung übernommen, für etwas, für das ich keine Verantwortung habe? Will jemand anderer, dass ich etwas tue, ohne offen und klar darüber zu sprechen (Manipulation)? Gibt es alte Glaubenssätze, sind die noch gültig?

      Sehr spannend find ich das, alles Liebe Julia

  3. Oh ja, diese (sehr deutschen) Schuldgefuhle kenne ich auch zu gut… Und woher kommen sie? Wenn wir unseren eigenen (überhöhten) Ansprüchen nicht genügen. Oder denen der Gesellschaft.
    Ich lebe inzwischen seit 7 Jahren in Israel, wo Kitas ab dem Alter von 3 Monaten beginnen. Mein Großer konnte zum Glück die ersten Monate bei den Großeltern bleiben. Als der Mittlere kam, war er 1 Jahr und 4 Monate. Natürlich bin ich mit meinem deutschen Mutterbild 16 Wochen mit beiden zusammen daheim geblieben. Anders hätte ich mich dem Großen gegenüber schuldig gefühlt. Ihn in eine Kita „abzuschieben“ hätte ich nicht übers Herz gebracht. Alle israelischen Freunde, Bekannte und Verwandte konnten mich nicht verstehen- ich müsse auch an mich denken, auch ich bräuchte Erholung und auch für den älteren Bruder sei es in der Kita besser. So war ich 16 Wochen mit einem Kleinkind und einem Schreikind, das tagsüber nur im Tragegurt und nachts höchstens 2 Stunden am Stück schlief daheim. 3 Monate ohne wirklherheit auch für den Großen nicht gut.
    Als mein Kleinster geboren wurde, war mein Mittlerer 1 Jahr und 9 Monate. Er ging in die Kita, wo er sehr glücklich war und ich konnte mich vormittags ganz dem neuen Menschlein widmen und mich tatsächlich selbst erholen. Ohne Schuldgefuhle. Profitiert haben wir davon letzendlich alle.

Kommentar verfassen