Warum ich mich gegen den Schnuller entschieden habe

4
1657
views
Warum ich mich gegen den Schnuller entschieden habe

Bevor meine erste Tochter geboren wurde, habe ich, wie viele andere Mamas, Schnuller geschenkt bekommen. In der Windeltorte waren zwei, im Welcomepackage einer Drogerie war ein weiterer. Da ich selber sehr lange nicht vom Schnuller „weggekommen“ bin und mich auch noch schmerzhaft an den Abschied erinnern kann, habe ich bewusst darüber nachgedacht warum ich meiner Tochter den Schnuller anbieten will, oder eben nicht. Hier die Gründe warum ich es nicht getan habe und warum ich es vielleicht beim nächsten Mal anders machen würde.

Kommunikation

Babys teilen sich hauptsächlich durch schreien mit. Schreien ist also erzählen, sprechen, ausdrücken, bemerkbar machen und vieles mehr.  Babys haben auch einen starken Saugreflex. Mein Gefühl hat mir immer gesagt, der Saugreflex ist, vor allem in den ersten drei Monaten, stärker als das Bedürfnis zu kommunizieren. Mit dem Stillen oder den Schnuller, wird das Kind also ruhig gestellt auch wenn das Bedürfnis jetzt nicht „Saugen“ ist. Klar, besteht auch beim Stillen die Gefahr, das eigentliche Bedürfnis mit dem Saugreflex zu missachten, so mache ich es aber wenigstens persönlich und mit viel Körperkontakt.

Die Herausforderung war für mich das Schreien oder Weinen „auszuhalten“, bis ich heraus gefunden habe was das eigentliche Bedürfnis ist, das manchmal auch Schreien an sich sein kann. Oder das Bedürfnis war Saugen, auch da die Herausforderung mich beim Stillen nicht als Schnuller zu fühlen. Was mir dann geholfen hat, war folgende Erkenntnis:  „Ich bin nicht der Ersatz für den Schnuller, sondern der Schnuller wäre der Ersatz für mich.“

In Momenten, in denen ich gespürt habe, sie hat Hunger und möchte gestillt werden und es ging aber nicht, habe ich ihr zur Beruhigung und Überbrückung bis ich sie stillen konnte, meinen Finger zum Saugen angeboten. Ich habe das nicht gerne gemacht und versucht es nur in Notfällen zu machen. Für mich war der Finger aber auch wieder ein Stück weit persönlicher als der Schnuller, weil ich ja körperlich und auch mit der Aufmerksamkeit bei ihr war.

Unabhängigkeit

Emmi Pikler beschreibt in [1] S. 92 sehr treffend:

„Nachteilig ist der Schnuller, weil durch ihn die Angewiesenheit des Säuglings auf die Erwachsenen, seine Unselbständigkeit unnötigerweise verstärkt wird. Nachdem er seinen Mund [Anm. mit den Fingern] einmal gefunden hat, wird er ihn beim nächsten Mal auch finden.“

Das heißt für mich, wenn ich meinem Kind die Zeit gebe, selbst heraus zu finden, was sie tun kann um sich zu beruhigen, durch zum Beispiel Finger lutschen, dann ist sie langfristig unabhängiger von mir. Ich muss ihr dann nie, den Schnuller wieder geben, weil sie es noch nicht selbst kann. Nicht untertags und auch nicht in der Nacht.

Leider kann ich mich nicht mehr erinnern, wann es genau bei meiner Tochter so weit war, aber irgendwann hat sie entdeckt, dass es sie entspannt, wenn sie ihren Unterarm über ihren Mund legt. Bei Einschlafen oder auch wenn sie in der Nacht aufwacht macht sie das und schlummert weiter. Für mich uns ist es schon seit Längerem am Abend ein Zeichen, ob es Zeit fürs Bett ist. Wenn ich sie frage ob sie müde ist, bedeutet Unterarm auf den Mund legen ja.

Ein weiterer Vorteil, was nicht von den Eltern angewöhnt wurde muss auch nicht abgewöhnt werden.

Entwicklung

Viele Eltern mit denen ich über das Thema gesprochen habe, meinen dass ein Vorteil des Schnullers gegenüber dem Daumen oder Finger, seine Ergonomie sei. Ein Schnuller beuge also weniger das Risiko von Zahnfehlstellungen. Emmi Pikler hat dazu in ihrem Artikel in [1] S. 89ff eine, wie ich finde logische und klare Erklärung. Babys müssen saugen und lutschten. Gerade in der Anfangszeit hat das, bei den vielen neuen Eindrücken, eine wichtige und beruhigende Wirkung. Nehmen sie ihre Hand (Finger oder Daumen) so wird diese im Zuge der normalen Entwicklung immer weniger wichtiger für andere Aktivitäten. Zuerst das erforschen der Hand selbst, dann das Greifen, Krabbeln etc. Für all diese neuen Aktivtäten muss die Hand aus dem Mund genommen werden. Die Abgewöhnung geschieht quasi von selbst. Der Schnuller kann bei den Aktivitäten im Mund bleiben und wird deswegen auch wahrscheinlich erst später ganz abgelegt.

Bei meiner Tochter war der Mund auch so wichtig um die Welt zu entdecken. Sobald das Saugbedürfnis nachgelassen hat und sie in der Lage war Dinge zu greifen, wurde alles auch mit dem Mund inspiziert. Mit dem Schnuller ist das nicht möglich. Das gleiche gilt für die Entwicklung von Sprache. Die Laute konnten immer einfach so aus ihr heraussprudeln.

Warum ich es vielleicht beim nächsten Mal anders machen würde?

Ich war immer wieder, vor allem in den ersten drei Monaten, die geprägt waren von Dauerstillen und viel Unsicherheit, kurz davor ihr den Schnuller zu geben. Ich habe mir aber jedes Mal die Frage gestellt, mache ich das für sie oder für mich? Die Antwort war jedesmal klar: für mich. Ich habe ihr den Schnuller also tatsächlich nie angeboten und schon gar nicht in den Mund gesteckt.

Ich kann mir aber vorstellen, dass es Situationen gibt, in denen die Antwort „für mich“ nicht ausreicht um sich gegen den Schnuller zu entscheiden. In denen es die eigenen Kräfte nicht erlauben, das jetzt auch noch auszuhalten. Der Schnuller mag dann auch das geringere Übel sein. So ist und bleibt es eine persönliche zu respektierende Entscheidung zwischen Eltern und Kind.

Ich halte im Übrigen nichts davon, wenn der Schnuller einmal etabliert ist, dem Kind nach Änderung der eigenen Meinung über den Schnuller, diesen plötzlich zu entziehen. Oder weil man das „in dem Alter einfach nicht mehr macht“. Gerade der Abschied sollte sanft und im Einklang mit den Bedürfnissen des Kindes geschehen.

Weiterführende Links und Literatur:

http://www.stillkinder.de/schnuller/
http://blog.kinder-verstehen.de/?p=155
http://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2014/02/schnullerentwoehnung-wie-man-nuckel-schnuller-abgewoehnen-kann.html
[1]Emmi Pikler, Friedliche Babys – Zufriedene Mütter

© Picture by pixabay.com

4 KOMMENTARE

  1. Interessante Gedanken. Für uns hat sich diese Thematik nie so richtig gestellt, da beide Kinder den Schnuller einfach nicht wollten und wir ihn auch nicht aufdrängen wollten. Hatte seine Vor- und Nachteile, aber die hat der Schnuller ja auch. Unsere Tochter hat übrigens eine Zeitlang am Daumen gelutscht, es sich aber sehr früh selbst wieder abgewöhnt.

    LG Michaela

    • Danke für dein Kommentar! Finde ich gut, dass ihr ihn nicht aufgedrängt habt, so haben ja dann eure Kinder entschieden und ihr seid dem gefolgt. Und wenn dann die Kinder etwas finden, dass sie unabhängig macht (wie Daumenlutschen) ist es überhaupt optimal. Alles Liebe euch 🙂

Kommentar verfassen