Gastbeitrag: Drei Dinge die sich änderten als ich Vater wurde.

2
3165
views
Drei Dinge die sich änderten als ich Vater wurde.

Autor Niels H.

Julia hat mich gebeten, einen Gastbeitrag auf ihrem Blog zu schreiben. Ich heiße Niels und bin seit etwas mehr als 7 Jahren ihr Lebensgefährte. Seit knapp zwei Jahren haben wir eine Tochter, die unsere Leben bereichert und auf den Kopf stellt zu gleich. Julia schreibt ihre Texte aus der Perspektive der Frau und Mutter. Ich möchte mit meinem Betrag etwas Testosteron in den Blog bringen und die männliche Sicht einer Partnerschaft mit euch teilen. Es ist meine Sicht – sie ist persönlich und nicht universell richtig oder falsch – sie gilt auch nicht für alle – nur für mich. Ich hoffe dennoch ihr findet sie spannend und bereichernd.

Vorweg: Ich wollte Kinder, habe mir aber nicht im Detail ausgemalt, wie es ist, welche zu haben. Als ich noch nicht Vater war, dachte ich im Scherz: Männer wollen Kinder machen, Frauen wollen Kinder haben. Diese Einstellung hat sich verändert seit ich Vater bin. Doch eins hat sich für mich bestätigt: Frauen scheinen anders zu ticken, denn sie gehen meiner Meinung nach viel vorbereiteter an die Sache heran. Auch wenn das erste Kind für eine Frau eine neue Herausforderung ist, mit vielen schlaflosen Nächten und oft keiner Ahnung was der Zwerg gerade braucht – die Mutter schaukelt das Kind am Ende. Väter sind beim ersten Kind brave Unterstützer, aber haben im Grunde keine Ahnung, was sie tun sollen. Aber nun zu den von mir erlebten Veränderungen.

Mein Beitrag soll von den drei Dingen handeln, die sich in meinem Leben durch die Geburt meiner Tochter grundlegend geändert haben. Die drei Dinge sind: Mein Lebenswandel, die Beziehung zu Julia und eine ganz neue und unbekannte Form der Liebe.

Mein Lebenswandel

Die erste Veränderung kommt gleich zur Geburt, wenn du dein Kind – winzig und schutzbedürftig – in den Arm bekommst. Jetzt ist jemand da, der dich braucht. Das ist neu. Vorher hatte man die Wahl. Selbst in der eigenen Familie war man bisher selber Kind – egal wie alt man ist. Doch jetzt ist man selbst Vater. Man wird auf einmal benötigt. Man hat neue Verantwortung.

Das bringt ganz weltliche Auswirkungen mit sich. Ade dem “Double income, no kids” Lifestyle. Gewusst hat man es ja, aber es ist dann doch anders als man meint. Dass die spontanen Städtereisen, Tauchurlaube oder der Urlaub nach Mexico oder Thailand – natürlich nicht zur allgemeinen Urlaubszeit – ab jetzt nicht mehr drin sind, das wird erst jetzt zur Realität. Es beginnt mit weniger Zeitautonomie. Weil man ja gebraucht wird, hat man einfach weniger Wahlfreiheit in der Zeiteinteilung. Das klingt vielleicht etwas negativ, doch das gute daran ist: Man(n) will das ganze, weil man jetzt ein Kind hat. Weil die Partnerin und das Kind meine Unterstützung brauchen.

Am Anfang ist das nicht ganz einfach, da man aus einer gewählten Paarbeziehung zwischen zwei Erwachsenen kommt. Jetzt ist da die eigene Familie, wo die Werte sich verschieben. Weltliches wie Karriere, Status, Geld gehen und Emotionales kommt. Die neue Dreisamkeit erinnert wahrscheinlich unterbewusst an die eigene Kindheit. Man geht weniger aus, man kocht mehr. Erst kämpft man etwas mit der Veränderung – wie bei jeder Veränderung – aber dann will man mehr Zeit in der neu gewonnenen Dreisamkeit verbringen.

Die Männerfreundschaften leiden dann, wenn das gegenüber selbst keine Kinder hat. Aus einem “Ich und Du” der Beziehung wird mehr und mehr ein “Wir” in der jungen Familie. Das zeigt sich auch an materiellen Dingen, wie beispielsweise den Finanzen. Man beginnt rasch die jeweiligen Gehälter zu einem Haushaltseinkommen zu bündeln. Man plant Familien-Investitionen gemeinsam: Vielleicht doch Eigentum statt Miete? Ein Familienauto statt dem Singleflitzer macht doch auf einmal Sinn. Versicherungen und Altersvorsorge werden wichtiger.

Bewährt hat sich in dem Zusammenhang für uns ein Haushaltskonto, wo jeder seinen Beitrag zum Familienleben vom Gehalt einzahlt. Alle Familienkosten werden damit bestritten. Der Rest bleibt zur eigenen freien Verfügung. Das erspart viele Diskussionen und erhält finanzielle Autonomie. Zusammengefasst kann ich sagen, man selbst tritt mit seinem Ego in den Hintergrund und die Familie, die neue Dreisamkeit in den Vordergrund. Das geht nicht reibungsfrei, ist aber eine tolle Erfahrung und bringt eine ganz neue Lebensqualität – wenn man sich drauf einläßt.

Die Beziehung

Meine Beziehung zu Julia hat sich natürlich auch verändert. Sie wurde von meiner Freundin, Partnerin zur Mutter meiner Tochter. Das Muttersein wirkt voll in die Beziehung hinein. Ich glaube Liebe ist unteilbar und unendlich – Zeit ist es jedoch leider de facto nicht. Damit ist Zeit für Zweisamkeit für uns die größte Herausforderung gewesen. Unsere Tochter braucht Zeit, die wir ihr auch gern geben. Die Pflege und Betreuung unserer Tochter ist jedoch auch anstrengend. Das hat zur Folge, dass wenn wir Zeit ohne sie verbrachten, wir zuerst Erholung gebraucht haben – jeder für sich. Damit kam die Zweisamkeit anfangs noch kürzer.

Ich glaube, das ist allgemein eine der großen Herausforderung für Eltern – gerade beim ersten Kind. Nämlich mit Zweisamkeit die Beziehung zu erhalten. Das gute daran ist: Man bekommt Übung im Umgang mit Kindern. Was zu Anfang kompliziert ist, wird einfach und damit weniger anstrengend. Somit mussten wir uns weniger und weniger von den Strapazen erholen, die uns das neugewonnene Elternsein beschert hat. Damit kam auch Zeit für Zweisamkeit zurück. Heute ist Julia wieder meine Lebensgefährtin und die Mutter meiner Tochter – nicht mehr hauptsächlich Mutter. Wir finden Zeit, uns abends auszutauschen und haben eine mehr oder weniger regelmäßige Date-Night, wo wir zu zweit essen gehen und ein Babysitter unsere Tochter betreut. Das hält die Beziehung gesund.

Eine weitere Veränderung ist die notwendige Abstimmung des Tagesablaufes. Das hat natürlich auch seinen Grund in der neuen Verantwortung. Die kurzfristige SMS „Hallo Süße! Ich gehe mit den Jungs noch auf ein Bier. Warte nicht auf mich!“ gehört der Vergangenheit an. Natürlich ist das Bier mit den Jungs nach wie vor leicht möglich – nur eben nicht auf Zuruf, spontan. Man muss sich an 2–3 Tage Vorlaufzeit gewöhnen. Wie schon erwähnt, belastet das die eine oder andere Männerfreundschaft.
Wir haben einen gemeinsamen Familienkalender auf Google. Den haben wir beide am Smartphone und tragen ein, was wir so vorhaben. Dort steht auch drin, wer wann unsere Tochter zum Kindergarten bringt, wieder abholt und danach betreut. Das hat sich – ähnlich wie das Haushaltskonto – als sehr erfolgreich erwiesen, weil es auch Autonomie erhält und Abstimmung – wer, was, wann macht – minimiert. So sitzen wir ein paar Mal die Woche zusammen und gehen den Kalender durch.

Und ja, natürlich diskutieren wir auch mal, wer auf die Kleine aufpassen muss – weil Termine und Bedürfnisse kollidieren. Auch reißen wir uns nicht immer ums Windelwechseln, Anziehen oder Zähneputzen – weil das gerade anstrengend ist und die Kleine den Vorgang mühsam gestaltet. Doch wir schaffen es immer auf eine faire Aufteilung zu kommen – anfangs schwieriger, später leichter, weil mehr Routine dazu kommt. Jetzt wo die Kleine zwei ist gibt es diese Diskussion kaum.

Auch Intimität zwischen uns hat sich verändert. Was ich lange nicht verstanden habe, ist, dass der Körper der Frau sich in der Schwangerschaft und bei der Geburt mehrfach verändert – er mutiert fast. Erst bekommt sie einen Bauch, als ob sie eine Wassermelone im Ganzen verschluckt hätte. Und dann muss sie diese auch noch durch eine viel, viel, viel zu kleine Öffnung gebären. Ihr Körper stellt sich hormonell mehrfach um – erst um in der Schwangerschaft bestens zu funktionieren und, nach der Geburt, um vom Brüten auf Stillen umzustellen. Dem wohnen wir Männer zwar bei, richtig nachvollziehen können wir das natürlich nicht. Unsere intimen und körperlichen Bedürfnisse bleiben ja unverändert. Daher bleiben auch unsere Erwartungen an Intimität und Körperlichkeit unverändert.

Das ist eine recht heikle Situation für die Partnerschaft. Denn nachvollziehbarer Weise hat die Frau während der Schwangerschaft und nach der Geburt oft viel weniger Lust auf Körperlichkeit und Intimität. Wir Männer denken aber immer noch ca. alle 30 Sekunden an Sex. Ich war nicht nur einmal frustriert und bin daher grumpy und bockig geworden. Gut ist, dass man die Situation gemeinsam aber recht leicht entschärfen kann – mit Offenheit und gegenseitigem Verständnis. Ich habe das Glück jetzt eine viel intimere und innigere Beziehung zu Julia zu haben als vor der Geburt unserer Tochter. Wir sind auf einander zugegangen und haben einen gemeinsamen Weg gefunden. Und keine Sorge, Männer: Die Libido der Frau kommt vollends wieder, sonst gäbe es nur Familien mit einem Kind.

Eine Ganz neue, umbekannte Form der Liebe

Gleich als ich meine Tochter nach der Geburt in den Arm nahm, hatte ich diese wahnsinnige Erkenntnis: „Sie ist ein Teil von mir.“ Das habe ich oft schon gehört, als ich noch keine Kinder hatte, konnte es nie wirklich verstehen. Wie auch. Doch jetzt war es klar. Das ist wahrscheinlich der Grund warum die Geburt eines Kindes – besonders des ersten – auch für Männer so ein emotional überwältigendes Ereignis sein kann. Das macht den härtesten Rocker zur Heulsuse. Besonders meine Generation, die noch mit „Indianer kennt keine Schmerz“ und ähnlichen Emotionsblockern aufgezogen wurden.

Und jetzt ist da ein Teil von mir – 50% von mir. Egal wie voll die Windel, egal wie viel Brei sie auf die Schulter kotzt – sie ist ein Teil von mir. Und sie liebt mich ohne Bedingung – einfach so. Weil ich ich bin. Das haben unsere Rocker-Herzen seid unserer Kindheit vergessen. Wir Männer haben – bei aller Männlichkeit – vergessen, das wir selber mal bedingungslos geliebt haben. Einfach so. Ich glaube der Männer-Stereotyp braucht Veränderung in Richtung mehr Emotion. Machos sind 80er.
Die Geburt ist für jeden Vater ein unerwartet emotionaler Moment, der die Grundlage für eine nie dagewesene Form der Liebe und Zuneigung ist.

Klar hat man vorher schon geliebt – die Mama, das eigene Haustier, die Freundin. Doch die Liebe zum eigenen Kind ist etwas ganz anderes. Als ob man statt Schwarz-Weiß auf einmal in Farbe sehen kann. Gerade wenn Kinder jung sind – unserer Tochter ist zwei – dann ist diese Zuneigung rein und unverblümt. Noch nicht durch Missverständnis und Enttäuschung gefärbt. Sie ist ein sehr delikates Konstrukt, diese Liebe, so einzigartig. Mir gibt diese Beziehung zu meiner Tochter eine ganz neue Dimension der Zwischenmenschlichkeit. Ich behandle sie mit Achtsamkeit.

Ich glaube ja Kinder sind vollkommene Menschen, die für sich genau wissen was sie brauchen und wollen. Sie brauchen keine Erwachsenen, um ihnen zu zeigen, was gut für sie ist. Sie brauchen Erwachsene,die ihnen eine sicheren Raum zum Erleben und Lernen schaffen, um eigene Erfahrungen zu sammeln. Eine Bewertung der Welt um sie herum können Kinder von Tag Null an selbst vornehmen. Dazu brauchen Sie keine Eltern. Sie lernen selbst durch Interaktion mit ihrer Umwelt.
Und ich lerne mit. Ich glaube ich habe seit langen nicht so viel über mich gelernt wie durch meine Tochter. Sie zeigt mir neue Wege und dafür bin ich dankbar. Auch dafür liebe ich sie. Diese Liebe strahlt von meiner Tochter auf meine Beziehung und mein ganzes Leben.

© text by Niels H.
© picture by pixabay.com

2 KOMMENTARE

  1. Viel zustimmung beim lesen des tollen gastbeitrags verspürt, einige fragen wie ich date-night/männerabend in meinem leben umsetzen kann und tränen der rührung als deine tiefe erkenntnis gelesen habe, weil ich es auch so empfinde. Danke für diese inspiration!

Kommentar verfassen