Warum Ratschläge nicht helfen sich selbst zu finden

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Ich habe mir den Rücken verrissen. Vorgestern am Abend beim Zähneputzen. Voll keine Äktschnheldengeschichte – einfach nur beim Zähneputzen.

Meine daraus resultierende Bewegungsunfähigkeit hat mich, nach anfänglichem Ärger inklusive Fluchen, zum Nachdenken gebracht. Folgender Satz ist dabei herausgekommen:

Den besten Ratschlag, den ich einer werdenden Mutter und mir selbst geben möchte ist, nimm keine Ratschläge an.

Und jetzt muss ich wohl erklären wie das alles zusammenhängt. 

Die gut gemeinten Ratschläge

Der Ratschlag ist etwas das bei jemanden anderen gut funktioniert hat und von dem der andere überzeugt ist, dass es auch bei dir gut funktioniert. Die Formen sind vielfältig von „das musst du auch so machen“, „das hab ich wo gelesen“, „da gibts Studien“ oder auch “ schaust halt mal“.

Klar sind da auch gute Ideen oder auch Impulse dabei, aber sie können auch Druck erzeugen. Sie können die Botschaft überbringen, mach das so wie die anderen, dann wird’s leichter, dann gehörst du dazu, dann bist du auch so glücklich wie xy aussieht  oder das ist das beste für dein Kind und wenn du es nicht machst – oh mein Gott du wirst schon sehen!

Mein untrainierter Rücken

So wie war das jetzt bei mir und meinem Rücken. Ich muss mal die Hosen runter lassen: ich bin unsportlich. War noch nie anders. Meine Lust auf Sport ist bei mir ungefähr so stark ausgeprägt, wie bei anderen die Lust händisch Dreifachintegrale zu lösen. Das macht mir nämlich Spaß :). So ist das halt mit den Interessen und anstatt mich schlecht zu fühlen, nehme ich es einfach an.

Das Problem ist nur, ein Baby und ein Kleinkind erfordern schon eine gewisse Art an körperlicher Fitness und auf der anderen Seite ist mathematisches Grundverständnis gerade noch nicht hoch im Kurs.

Das kann ich jetzt auch nicht schön reden.

Mein Rücken protestiert also gerade und sagt, he das mit der Mathematik ist mir lieber. Und ich sage liebevoll, du wirst dich anpassen müssen, ist so. Schmerzen inklusive. Es wird besser.

Aber warum ich meinem Rücken nicht etwas mehr Zeit gebe, sich an die neue Situation zu gewöhnen, hat eben mit den Ratschlägen zu tun, die man so aufnimmt.

Tragen ist Liebe, oder?

Zum Beispiel: Tragen ist super, am Besten am Bauch mit einer Trage oder am Arm, am Besten immer wenn man aus dem Haus geht. Super für die Bindung und so. Zufriedene Babys und man hat die Hände frei. Super, keine Frage. Ist auch lange super, auch wenn die Kinder groß und schwer sind. Für alle super, außer: für meinen Rücken.

Dieser Trage-Ratschlag hat sich also in meine Synapsen verirrt und hat dort den Glaubenssatz geformt: „Trag dein Kind und lege es nicht in den Kinderwagen. Das eine Gut das andere Schlecht. Punkt.“ Glaubenssätze sind immer so schön Schwarz/Weiß, da gehen dann alle Grautöne, die in der Interpretation des Ratschlages vielleicht noch zulässig waren, charmant verloren.

Ich habe also getragen, obwohl ich nicht unbedingt die besten körperlichen Voraussetzungen habe und ich habe alle Vorwarnstufen an Verspannungen ignoriert.

Herausgekommen ist, ein verspannter, schmerzhafter und völlig unbeweglicher Rücken.

Und die Erkenntnis,

dass Ratschläge oder „7 Dinge die dein Leben SOFORT fabelhaft und deine Kinder SOFORT zu glücklich gebundenen kooperierenden Lämmern machen“ nicht bedeuten, dass ich mich selber finde.

Aus einem anderen Augenwinkel betrachtet, sind die Ratschläge und Tipps auch gut, wenn ich sie als Impulse nehme und nicht als striktes Regelwerk. Wenn ich mit gutem Gewissen mein Kind in den Kinderwagen lege und es dann liebevoll und ausgeruht wieder hochnehme und ihm erkläre warum das alles so ist. Wenn ich meinem Rücken wieder die Zeit gebe, sich an das Gewicht zu gewöhnen und wenn ich mich auch um ihn kümmere (so ein paar Rückenübungen schaffe auch ich als Sportmuffel). Wenn ich dann auch wieder Freude am Tragen und an der Nähe habe.

Denn Tragen ist super, das spüre ich, aber bitte in meiner Zeit.

So finde ich dann auch zu mir selbst und zu dem was gut für mich ist.

© picture by pixabay.com

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