Die Narben deiner Geburt

7
17856
views
Die Narben deiner Geburt

Mein Sohn hat sichtbare Narben von der Geburt. An der Hand. Zwei kleine Einstiche. Er hat nach der Geburt einen Zugang gebraucht. Zum Blutabnehmen.

Heute ist er auf mir eingeschlafen und ich habe die Narben ganz deutlich im Sonnenlicht gesehen. Mir sind sie schon lange nicht mehr aufgefallen. In den letzten Monaten habe ich einfach nicht darauf geachtet.

Heute habe ich sie wieder gesehen, die Narben seiner Geburt. Und ich habe mich gefragt was sind denn die unsichtbaren Narben seiner Geburt.

Das Unsichtbare

Egal wie wir geboren werden. Es ist ein Schock. Ich habe mal gelesen, die Geburt ist das traumatischste was wir als Menschen je erleben. Der Wechsel von diesem warmen perfekten Ort, an dem wir nie Hunger haben, in eine komplette neue und unbekannte Welt, versetzt uns in einen Schock. Eine sanfte Geburt lindert diesen Schock. Es bleibt aber ein Schock.

Nein, ich werte nicht. Ich weiß nicht, wie sich die Geburt für meinen Sohn angefühlt hat. Was ihn unsichtbar gezeichnet hat.

Dem Schmerz begegnen

Seine Geburt war sehr schnell und kompliziert. Die Ärzte mussten ihn nach der Geburt untersuchen. Er konnte nicht gleich bei mir bleiben. Diese 15 Minuten bis ich ihn in die Arme nehmen konnte, waren die Unwirklichsten, die ich je erlebt habe. Ich habe keine Angst gehabt. Ich war von der Geburt einfach so mitgenommen, dass ich erst einmal erleichtert war. Später ist der Schmerz gekommen. Die Trauer um diesen Moment. Den ich nie mit ihm haben werde.

Heute nehme ich diesen Schmerz an. Seinen und meinen. Es ist ok, dass wir das so erlebt haben. Ich muss nichts tun. Nichts wird diesen Schmerz vergehen lassen. Das spüren des Schmerzes, das ist das Einzige was Raum braucht.

In den Tagen nach der Geburt habe ich diesen Moment direkt nach der Geburt, den wir nicht gemeinsam hatten, beweint. Ich habe mich verabschiedet von der Vorstellung, die ich vorher gehabt habe. Habe auch zugelassen, dass ich enttäuscht sein darf. Meine Hebamme hat mich begleitet, hat in einem Ritual, das nachgeholt was geht. Das Körperliche. Wir haben in den Tagen nach der Geburt oft warm gebadet und den Körperkontakt nachgeholt. Sanft, langsam und in unserer Zeit.

Wunden heilen, Narben bleiben

Seine Hand ist schnell geheilt. Nach einigen Tagen waren die kleinen Einstiche kaum noch sichtbar. Heute sind nur noch zwei kleine Narben übrig. Sein Körper hat sich mit einer gegebenen Selbstverständlichkeit darum gekümmert.

Ich respektiere diese Narben, die Sichtbaren und die Unsichtbaren. Ich spüre, dass es auch nicht mehr braucht für die Heilung. Ich weiß, dass er mit seiner Geschichte, mit seinen Wunden und Narben gut umgehen kann. Meine Anerkennung, dass es nicht leicht war, ist ausreichend.

Manchmal geht es nicht ums Loslassen

Oft höre ich, lass des Schmerz los. Aber ich wollte dieses Erlebnis nicht Loslassen. Ich will mich daran erinnern, will es nicht vergessen müssen, weil ich den Schmerz nicht aushalte. Will darüber reden können. Das ist der Respekt, dem ich diesen Wunder der Geburt zollen will. Damit ich das tun kann, muss ich es annehmen. Mich damit auseinandersetzen, es zu einer guten Bekannten machen.

Neulich habe ich Geburtsgeschichte wieder erzählt und der Schmerz ist noch da, aber er überrascht mich nicht. Er darf da sein und dann auch wieder gehen. Ich muss nicht weinen um ihn zu spüren. Ich kann sogar lachen dabei. Der Schmerz braucht kein Drama um zu wissen, dass er respektiert wird.

© Foto und Text, sinn-impuls.at

7 KOMMENTARE

    • Ja, das stimmt. Ich bin auch unendlich dankbar darüber. Es ist natürlich so, dass es fast immer „noch schlimmere“ Schicksale gibt, das tröstet oder macht uns in Anbetracht unserer Geschichte dankbar. Es ändert aber nichts an unserem ganz subjektiven Schmerz und unserer Trauer. Diese Gefühle wollen da sein, manchmal auch obwohl alles gut ausgegangen ist. Alles Liebe, Julia

  1. Liebe Julia!
    Aus deinen Zeilen lese ich, dass du eine liebende Mutter und sicher auch ein sensibler Mensch bist. Allerdings ist dein Text an Narzissmus und Überspanntheit kaum zu übertreffen: Du sprichst von Schicksal, Schmerz und und Trauer und damit meinst du 15 Minuten, die dein Kind nicht bei dir war. Kannst du dir vorstellen, wie Frauen empfinden, die tatsächlich Schicksalhaftes mit ihren Kindern erlebt haben? Ich wünsche dir von Herzen, dass du dein Leben so weiterleben kannst und dass du niemals die Dimensionen von Trauer und Schmerz tatsächlich erleben wirst, von denen du glaubst, sie erlebt zu haben! Das meine ich wirklich ehrlich und gar nicht zynisch!

    • Liebe Nadja, Danke für dein Kommentar zu meinem Artikel, in dem es ausschließlich um mein persönliches Empfinden geht.

      Ich maße mir nicht an mich mit anderen zu vergleichen, das will ich nicht und es steht mir auch nicht zu. Deswegen verstehe ich auch dein Kommentar nur teilweise. Mein Erlebtes hat doch mit den anderen Schicksalen nichts zu tun?

      Mir ist wichtig, dass jeder – auch ich – seine Schmerzen leben darf, egal wie klein die Wunde im Vergleich auch sein mag. Die Aussage, anderen geht es noch schlechter, tröstet nicht. Sie ignoriert das ureigene Empfinden.

      Ja, ich bin dankbar darüber, dass ich jetzt ein gesundes Kind habe und es nicht schlimmer ausgegangen ist. Nichtsdestoweniger darf ich enttäuscht und verletzt sein, genauso wie mein Kind, dass die Geburt nicht so verlaufen ist, wie ich mir das für uns erhofft habe. Gleichzeitig habe ich natürlich Mitgefühl für Andere, das Eine schließt das Andere nicht aus.

      Ich finde, jedes Gefühl darf gelebt werden. Jeder Schmerz darf weh tun. Denn nur so können die seelischen Wunden auch heilen.

      Ich wünsche mir, dass kein Kind und kein Erwachsener hören muss:“ Wein nicht – ist ja nicht so schlimm.“, denn so kommt dein Kommentar bei mir an.

      Ich hoffe das bringt etwas Klarheit für die Motivation zu diesem Artikel, Julia

  2. Liebe Julia,

    zufällig habe ich deine Zeilen gelesen und sie haben mich tief bewegt. Auch ich hatte diesen Moment nicht und mein kleiner und wunderbarer Sohn musste 7 Wochen im Krankenhaus bleiben, da er viel zu früh auf die Welt kommen wollte. Seit 3 Wochen ist er endlich zu Hause und wir werden sicherlich noch eine Weile an den Narben seiner Geburt knabbern.
    Ich danke dir für deine Worte und möchte dich wissen lassen, das du mich berührt hast.

    Herzliche Grüße
    Joana

Kommentar verfassen